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Region zwischen Vergangenheit und ...

 

Im Juni 2010 hatte ich die Gelegenheit, einen Teil Bessarabiens zu besuchen.

Wer an dieser Stelle eine ausführliche geschichtliche, geographische oder kulturelle Beschreibung erwartet, sollte schnell weitergehen. Ich werde hier meine ganz persönlichen Eindrücke wiedergeben und nur im Nötigsten auf die obigen Beschreibungen eingehen. Und ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit meiner Beobachtungen.

Wer sich ausführlicher und objektiver über harte Fakten informieren will, mag in der Wikipedia oder anderwärts nachlesen.

Übrigens, der Name Bessarabien leitet sich vom walachischen Fürstengeschlecht Basarab ab, das dort im 13./14. Jahrhundert herrschte und hat nichts mit Arabien zu tun.

 

Bessarabien allgemein

Lage: Süd-Osteuropa, heutige Staatsgebiete der Ukraine, Rumäniens und Moldawiens (Stichworte: Schwarzes Meer, Donaudelta)

Geschichte: Griechen, Römer, Tartaren, Türken, Russen, Rumänen und viele andere Völker hinterließen ihre Spuren in dieser Region. Von besonderem Interesse für Deutsche dürfte die Zeit der Besiedlung durch Landsleute zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und 1940 sein. Auf Einladung des russischen Zaren Alexander I. mit dem Versprechen vieler Privilegien hierhergeholt, haben sie wesentlich zum Wandel der Steppenlandschaft in Ackerland beigetragen. Der Hitler- Stalinpakt beendete diese Periode 1940 abrupt.

Bezug zu Deutschland: Letztlich auf Grund der Verknüpfung mit der jüngeren Geschichte gibt es in Deutschland noch viele Menschen, die ihre Wurzeln in Bessarabien haben. Zur Pflege dieser Beziehung trägt der "Bessarabiendeutscher Verein e.V." wesentlich bei.

 

Bessarabien heute

Am schnellsten gelangt man mit dem Flugzeug nach Bessarabien, Zielflughafen Odessa

 

Odessa

 

So reiste ich an. Vor dem Flughafen nichts, was dem westeuropäischen Auge fremd vorkommen mochte. Hübsche, sommerlich gekleidete Frauen, die sich auf mehr als 10 cm hohen Stilettos sicher bewegten und Leute in Straßencafes.

 

Cafe

 

Die Fahrt zum eigentlichen Ziel war dann schon Kennenlernen besonderer Art. Der Straßenzustand außerhalb der Stadt fordert Härte, von Fahrzeug und Insassen. Für uns ein ungewohnter Anblick - Pferde- oder Eselskarren.

 

Eselskarren

 

Die am Rande liegenden kleineren Ortschaften wirkten anders als gewohnt. Hühner, Ziegen, Schafe am Straßenrand, normal. Viele der Häuser könnten eine Renovierung gut und bald gebrauchen.

 

Haus

 

Nach ca. 80 Kilometern in etwa 1 ½ Stunden erreichte ich das Ziel auf bessarabischem Boden.

 

Zwischen den Interessen, einerseits etwas von Land und Leuten zu erfahren,

 

Trockenfisch

 

andererseits meine Naturfotografie nicht zu kurz kommen zu lassen, war ich hin- und hergerissen.

Fahrten in verschiedene Orte mit bessarabien-deutscher Geschichte wechselten mit Fotopirsch anderntags und/oder besonders am frühen Morgen.

 

Mitschurin

Büste von I.W. Mitschurin, der eine bedeutende, leider negative, Rolle

in der sowj. Wissenschaft spielte vor einem Haus der Kultur

mehr siehe hier

 

Das Wetter meinte es besonders gut, Temperaturen bis deutlich über 35 °C und eine südliche Sonne, vielleicht hat der Name Bessarabien doch was mit Arabien zu tun? Spaß beiseite.

 

Jungs auf Straße

 

Die ehemals von deutschen Siedlern besiedelten Orte sind im unterschiedlichen Zustand.

 

Dorfstraße

 

Es gibt Ortschaften (habe ich selbst nicht gesehen), die existieren einfach nicht mehr, weil dort ein Stausee ist bzw. war. Andere sind zu großen Teilen abgerissen, weil z.B. in der Sowjetzeit die Armee einfach Militärkomplexe dort einrichtet hat. Da wurden ganze Häuserzeilen planiert, Friedhöfe schlichtweg asphaltiert. Andere Dörfer sind zumindest in der Grundstruktur erhalten.

 

Friedhof

 

Eines ist aber allen Gemeinden eigen: entweder ist die Kirche eine Ruine, zumindest eine ohne Turm, 

 

Kirchenruine

 

oder sie ist im besten Zustand, weil in den letzten Jahren mit Hilfe des 

 

Kirche in Ordnung

 

Bessarabiendeutschen Vereins wieder (auf)gebaut. Die Sache mit dem Turm soll auf Chrustschow zurückgehen. Von 99% aller Kirchen wurde in der Sowjetzeit der Turm geschliffen und das Gebäude zu Sport- oder Lagerhallen umfunktioniert. Devise: "Im Jahr 2000 spricht in der Sowjetunion keiner mehr von Gott".

Ähnlich unterschiedlich ist der Zustand der Häuser, z.B. in Odessa.  Prachtvoll (privat)

 

Prachthaus

 

restaurierte Häuser stehen neben traurigen Zeugen vergangener, besserer Zeiten. 

 

Schlimmes Portal

 

Ein spezielles Blatt der Geschichte sind die Plattenbauten, die um 1993 für die aus der ehemaligen DDR zurückkehrenden sowjetisch-russischen Soldaten gebaut wurden.  Sie sind heute, nicht einmal 20 Jahre nach ihrer Errichtung, zumindest äußerlich in einem katastrophalen Zustand.

 

Bauruine

 

Welche Eindrücke bleiben?

- Der Straßenzustand, man kann Zustände bekommen, 50 km/h durchschnittliche Reisegeschwindigkeit maximal, mehr ist nur automordend möglich. Manchmal geht es nur im Schrittempo voran.

- Am Strand des Schwarzen Meeres sieht man viele junge Frauen mit einem, höchstens zwei Kindern ohne Mann. Dieser muß vermutlich außerhalb, z.B. in Rußland, Rumänien oder Westeuropa Geld verdienen. Die Arbeitslosigkeit ist wohl sehr hoch.

- Die Fröhlichkeit und Freundlichkeit der Menschen. Wo sich eine Gelegenheit zum Feiern bietet wird diese genutzt.

 

Bessarabiens Natur und Umwelt

Den Charakter der Steppenlandschaft hat Bessarabien trotz eingeführter Landwirtschaft nicht verloren.

 

Blick in Feld

 

Mit Ausnahme des Donaudeltas ist es im Sommer heiß, trocken, windig. Endlose, 

 

Rapsfeld

 

flache Weiten, heute Korn- oder Rapsfeldern, nicht selten brachliegend. Sehr wenig Wälder, Bäume, Büsche.

 

Entsprechend ist das Tierleben.

Überwiegend konnte ich die Vogelwelt beobachten.  Es gelangen mir einige Fotos von Vögeln, die bei uns nicht all zu häufig anzutreffen sind.  Beispielhaft seien hier genannt

Der Pirol,

 

Pirol 2

 

der Neuntöter,

 

Neuntöter

 

und nicht zu vergessen der Falke, den ich schön im Abflug erwischen konnte.

 

Falke

 

Für Insekten fehlte mit einfach die Zeit. Lediglich am Rande bemerkte ich viele Schmetterlinge und anderes.

 

Offensichtlich fehlt den ukrainischen Menschen ein Gefühl für die sie umgebende Natur. Selbst eine einheimische Lehrerin äußerte, die ukrainische Tierwelt sei sehr arm. Im Museum von Akkerman - so etwas wie eine Kreisstadt mit über 40.000 Einwohnern - konnte ich mehr als 30 ausgestellte Vogelpräparate sehen und in Vilkovo am Donaudelta ...! Schätze, die jeden Natuliebhaber in Deutschland begeistern würden.

Mit der Natur wird stiefmütterlich - zumindest aus unserer Sicht - umgegangen. Plastik- und Glasflaschen werden achtlos weggeworfen (Herrn Trittin sei Dank) und Schlimmeres.

 

Fazit

Die Reise nach Bessarabien war hochinteressant. Ich habe mit der Ukraine ein Land gesehen, das - vergessen wir nicht Tschernobil - vermutlich alleine nicht die Kraft hat, seinen Bürgern eine gute Zukunft zu bieten - siehe z.B. hier .  Und das sind etwa 43 Millionen! Viele der Menschen dort hatten in der "sowjetischen Zeit" (eine Formulierung, die ich sehr oft gehört habe) Arbeit und ein bescheidenes Auskommen. Heute leben große Teile der ehemaligen Mittelschicht unter Verhältnissen, die in Mitteleuropa nicht vorstellbar sind und sind zudem perspektivlos.

So gibt es, zumindest im ländlichen Bereich, keine funktionierende Müllentsorgung mit den vorstellbaren Folgen. Wasser- und Abwasser auf dem Land nur mittels Brunnen, im besten Fall Wasserleitung auf der Straße. Selbst in größeren Städten ist Trinkwasseer nur an wenigen Stunden pro Tag verfügbar.

Initiativen wie die des Bessarabiendeutschen Vereins mit der Finanzierung des Wiederaufbaus von Kirchen, Stiftung für Krankenhäuser usw. können nicht hoch genug geschätzt werden. Unabhängig davon, ob man gläubig ist oder nicht, funktionierende Kirchen haben als Kristallisationskern mit ihren Einrichtungen für Kinder, Schulspeisung usw. eine große Bedeutung zu helfen, den Menschen eine Perspektive zu geben.

Darüber hinaus wäre es wünschenswert, erzieherisch im Sinne des Naturschutzes tätig zu werden. Wenn nicht den Kindern die Liebe zur Heimat und der Natur nahegebracht werden kann, wem dann?

Zurück zum Anfang. Bessarabien ist eine Region mit großer Vergangenheit. Für eine gute Zukunft braucht es viel Hilfe von außen und ein hohes Maß an Eigeninitiative.

 

Kommen Sie mit in diese so nahe und doch so fremde Region, sehen Sie in einem knapp 1 ½ stündigem Fotovortrag eindringliche Bilder aus einem anderen Europa.

Termine hier.